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Winterreise - neue Perspektiven

Schmuck und Gefäße

Dr. Claudia Lehner-Jobst

Die bereits traditionelle "Winterreise" der auf Schmuckkunst spezialisierten Galerie Slavik führt in diesem Jahr zu neuen Perspektiven. Ungewöhnliche Silbergefäße des Belgiers David Huycke und neuer Schmuck von Michael Becker stehen im Mittelpunkt der Weihnachtsausstellung mit vielfältigsten Unikaten internationaler KünstlerInnen der Galerie.

Eine ästhetische Augenweide bilden die sorgfältigst gearbeiteten Silberobjekte von David Huycke. Dünn gehämmertes Edelmetall formt sich zu schlichten Gefäßen, oft als Komposition aus verschiedenen, ineinander passenden Schalen. David Huycke gelingt es mühelos, Ursprünglichkeit mit sensibler Differenziertheit zu vereinen.

Der junge belgische Künstler studierte von 1985 bis 1989 an der Karel de Grote- Hogeschool in Antwerpen und arbeitet seit 1992 als selbständiger Gold - und Silberschmied in Sint-Niklaas. Zwischen 1994 und 1996 unterrichtete er an seiner ehemaligen Hochschule und lehrt seit 1998 am renommierten Institut für Kunstgewerbe in Mechelen. Die schlicht und einfach schönen Silbergefäße von David Huycke spiegeln die extreme Ruhe und Konzentriertheit wieder, mit der der Künstler sich an seine Arbeit macht. Bereits als sehr junger Student war sein gefaßtes Selbstbewußtsein legendär, sehr klare Visionen führten schon früh zu feinsten formalen Lösungen. Der Einblick in sein Atelier über die letzten Jahre enthüllt die Unermüdlichkeit des Perfektionisten. Aus einer einfachen Werkbank hat sich hier ein regelrechtes Laboratorium entwickelt. Keine technische Herausforderung wird in diesem Experimentierfeld gescheut, keiner künstlerischen Spannung ausgewichen. Am Ende einer Versuchsreihe steht dann eine anfangs als kaum möglich betrachtete neue Technik, die die Herstellung dieser ausgewogenen Formen und erstaunlichen Strukturen ermöglicht. Ein Paar weit ausladender Schalen, die eine aus hell glänzendem, ihr Pendant aus geschwärztem Silber, bestehen aus unzähligen kleinen Kugeln. Ein eigens entwickeltes System ermöglicht die unzähligen, zur Granulation notwendigen Elemente mit exakt gleichem Gewicht aus Gold oder Silber in exakt gleicher Temperatur zu erhitzen und zu einem perfekt homogenen Gefäß zu verschmelzen.

Im Vordergrund des Œuvres von Huycke steht das delikate Schimmern des Metalls. Konische und zylindrische Gefäße werden aus schmalen Silberringen mit zart gerillten Oberflächen aufgebaut, die Ringe wie lose übereinandergelegt. In eben dieser Unregelmäßigkeit enthüllt sich Perfektion, ist sie doch mit Prägnanz gedacht. Die Verschiedenfarbigkeit des Metalls wird ebenso wahrnehmbar wie die der formalen Schlichtheit innewohnende Leichtigkeit.

Die äußerste, eigentlich meditative Konzentration die die Arbeit an diesen aufwendigen Stücken verlangt, ist deutlich spürbar. Jedes Silbergefäß hat Charakter und Eigenleben, ist eben Objekt. Wenn dann der Rand einer geradezu vollkommen geformten Schale unregelmäßig, wie gerissen, erscheint, wird die Faszination der Silberarbeiten von David Huycke evident: sein fast zärtlicher Umgang mit dem Material, das gehämmert, geritzt, getrieben, gegossen wird um zur entsprechendsten Form zu gelangen. Schönheit in menschlichem Maß enthält eine gewisse Irregularität und damit wohl Einmaligkeit. In der Schönheit sind Gegensätze gebändigt, sagt Schopenhauer. Durch Offenlegung der Gegensätze die Spannung trotzdem zu erhalten ist die Kunst David Huyckes.

Der Künstler wurde bisher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem "Henry van de Velde" Preis in Brüssel (1994) und dem Europäischen Preis für Kunst und Design in Wien (1998). Seine Silbergefäße sind in wichtigen öffentlichen Sammlungen zu sehen, unter anderem im Deutschen Goldschmiedehaus in Hanau, im Museum für dekorative Kunst und Design in Gent und im Musée des Arts Décoratifs in Paris.

Regelmaß und Unregelmäßigkeit stehen auch im Mittelpunkt der Arbeiten des deutschen Schmuckkünstlers Michael Becker. Von 1982 bis 1987 an der Fachhochschule Köln in Bildhauerei und Edelmetallgestaltung bei Peter Skubic ausgebildet, erhielt er 1993 bis 1995 einen Lehrauftrag an der Johannes Gutenberg Unviersität in Mainz. Michael Becker ist vielfacher Preisträger und in Galerien und Museen vieler Länder der Welt präsent, wie etwa dem Kunstgewerbemuseum in Berlin, den Musées des Arts Décoratifs in Montréal und Paris sowie dem Cooper Hewitt National Design Museum in New York. In diesem Jahr wurde der Künstler mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet.

Das delikate Spiel mit Gegensätzen beschäftigt Michael Becker sowohl inhaltlich als auch formal. Architektonische Elemente und Naturmotive stehen einander ebenso gegenüber wie matte Goldoberflächen und glänzend farbige Steine. Eine Serie von Broschen, "Digital Landscapes", des in München lebenden Künstlers resultiert aus der Auseinandersetzung mit Satellitenbildern. Die abstrahierten Darstellungen der Erdoberfläche oder der Lichtspuren von Sternen inspirieren Becker zu Broschen mit lichtvollem Eigenleben. Zwei dünne strukturierte Goldplatten geometrischer Form werden übereinander montiert, die obere durchbrochen mit dem typischen Raster der Satellitenbilder. Die so entstehenden Durchblicke geben die Textur der dahinterliegenden Platte frei und ermöglichen ein facettenreiches Lichtspiel. Die Ordnung der Technik und Geometrie erhält eine immaterielle Komponente. Michael Beckers neueste Arbeiten enstanden aus einer ähnlichen Suche nach Grenzen und gemeinsamen Ordnungsprinzipien von "naturhafter und abstrakter Formenwelt". Die Stücke sind offen und lichtdurchlässig, verschiedenen gefundenden Formen werden die Farben von Edelsteinen zugeordnet. Blüten oder Sterne perforieren in wohlüberlegter Unregelmäßigkeit eine eindeutige Form.

Michael Becker gehört zweifellos zu einer Generation von Schmuckkünstlern, die sich ungezwungen auch traditioneller Materialien bedient und deren Arbeiten bei aller technischen Präzision und zeitgenössischer Thematik lyrische Interpretationen und sinnlichen Genuß zulassen.

Das Kunstmagazin "PARNASS", November/Dezember 2002, Heft 4/2002, S. 156-157, Dr. Claudia Lehner-Jobst


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