Zur Jubiläumsausstellung in der Galerie Slavik schuf der katalanische Schmuckkünstler Joaquim Capdevila 60 Kelche. Dr. Claudia Lehner-Jobst berichtet im Kunstmagazin "Parnass" darüber: DAS LEBEN TRINKEN Sechzig Kelche von Joaquim Capdevila Zu einem Jubiläum wird gerne ein Pokal verliehen. Auch zu einem Sieg. Beide Anlässe haben Joaquim Capdevila zu den sechzig Pokalen oder Kelchen inspiriert, die zur Zeit der Wiener Festwochen in der Galerie Slavik zu sehen sind. Der katalanische Schmuckkünstler aus einer Familie mit Goldschmiedetradition begeht seinen sechzigsten Geburtstag. Im vergangenen Jahr hat Capdevila eine schwere Krankheit besiegt, ein Sieg, der ihn das Konzept Leben im neuen Licht sehen lässt. Die sechzig Kelche, die der Künstler aus Barcelona nach Wien gebracht hat, sollen den veränderten Umgang mit dem Leben versinnbildlichen, tastbar, sichtbar, erlebbar machen, aber auch unvergesslich. Pokale dienen der Erinnerung und ebenso der Würde. Kostbare Trinkgefäße kennt die Geschichte aus allen Epochen. Ob Schale, Becher oder Kelch, ein besonderer Trunk für einen besonderen Augenblick bedarf eines adäquaten Utensils. Der menschliche Wunsch, Begegnungen oder Zeitpunkte mit Essen oder Trinken zu zelebrieren, entspringt wohl der einfachen Tatsache, dass Leben ohne Nahrungsaufnahme nicht möglich ist. Besondere Speisen und Getränke nähren die Lebenslust und verhelfen mitunter zu Höherem. Blüten, Blätter, Muscheln, aber auch Holzschalen bilden in bestimmten Kulturen und Epochen die natürlichsten Gefäße für ein gemeinsames Mahl. Von Wein in goldenen Schalen ist bei den antiken Symposien die Rede und bis in unsere Tage ist fürstliches Dinieren ohne Edelmetall nicht komplett. Repräsentation ist dabei ein Aspekt, aber im Falle des Kelches kommt der Symbolik ein bedeutender Stellenwert zu. In etwas mehr als eineinhalb Jahren gelang es Joaquim Capdevila eine ganz persönliche, beinahe intime Gruppe von Kelchen zu schaffen. Ausgangspunkt ist die Grundform der Kelchschale, das Halbrund, und somit die wohl ursprünglichste Form eines Behältnisses, berührend schlicht, wie eine aufgehaltene Hand. Schaft und Fuß geben der Schale Halt und Größe. Sie können fragil sein, kompakt oder raffiniert, immer wirken sie monumental. Eine Kelchschale wird von asymmetrischen Fuß getragen, eine andere steht auf kraftvollen Stelzen, um einen Schaft wirbelt ein Golddrahtgespinst. Architektonische Einflüsse, Schmuckelemente und Naturimpressionen lassen sich ablesen. Die Materielein sind vor allem Gold und Silber, dazu vielleicht Japanlack, Diamanten oder Kieselsteine. Joaquim Capdevila setzt seine Werkstoffe „leise“ ein. Diamanten verstecken sich im Inneren der Schalen, Durchblicke eröffnen sich erst bei genauer Betrachtung. Haptische Sinnlichkeit, zarte Texturen, verhaltene Farbklänge und essenzielle Formen bestimmen die Ästhetik der Kelche. Kein Kelch gleicht dem anderen. Der Künstler versteht jeden einzelnen als Ausdruck einer eigenständigen Perspektive, als Variante einer ästhetischen Lösung auf der Suche nach Einfachheit. An diesem Punkt in seinem Leben angekommen, ist er im Einklang mit sich selbst und schöpft aus der Ruhe der Erfahrung. Mit Vorlieben, durch das Leben geprägt, wird jeder „Trinker“ seinen ihm gemäßen Kelch in der Reihe finden. Dabei bilden die sechzig Kelche dennoch eine Einheit, wie die Jahre des Lebens, wie sechzig Schritte auf einem Weg. Die Kelchform mit ihrer sprichwörtlichen Erhabenheit impliziert die Assoziation mit sakralem Ritual. Joaquim Capdevila geht es allerdings weniger um Transzendenz im religiösen Sinn, als um Bewusstwerdung in der Routine des Alltags. Essen und Trinken als Lebensfundament dienten schon immer als Opfergaben an Himmelsmächte. Hier wird das Opfer zur Gabe an einen besonderen Moment, an einen anderen Menschen. Die Kelche sind durchaus zum Trinken gedacht. Sie sind klein, kaum höher als zehn Zentimeter. Ihre Schalen fassen gerade einen symbolischen Schluck. Sie wollen nicht erst in erster Linie Gebrauchsgegenstand sein und sich damit über den Alltag erheben. Das Leben zelebrieren heißt auch, die kleinen Dinge zu schätzen. Aus einer kleinen Goldschale zu trinken, erweckt ästhetische Empfindung. Aber die Verwendung der Kelche soll nicht nur die Sensation der Schönheit feiern, sondern auch die Erinnerung an wichtige Stunden, an Freundschaft, an Augenblicke geteilter Liebe. All die wirklichen Reichtümer des Lebens möchte Joaquim Capdevila mit seinen Kelchen auf den Plan der Erkenntnis rufen. Dr. Claudia Lehner-Jobst im Kunstmagazin Parnass, Heft 02/2004, S.126-127 |